Den eigenen Weg finden


Regina Widmann wuchs in Dietenheim (D) auf und machte eine Ausbildung als Krankenschwester. Als Scalabrini-Missionarin ist sie heute im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig unter Migranten und Flüchtlingen, die christlichen Minderheiten angehören.
Diana Müller hat mit ihr ein Interview geführt, das auch wir hier veröffentlichen.



Wie hast du Berufung erfahren?
Ich hatte einen Freund und wir waren dabei uns auf die Ehe vorzubereiten. Obwohl ich alles hatte, meine Pläne und Wünsche auch beruflich sich verwirklichten, wurde ich immer unruhiger. Ich verstehe es selber nicht, ich weiß nur, dass ich an Ostern 1983 auf unerwartete Weise erahnen durfte, wie sehr ich geliebt bin: dass Jesus für mich, für alle gestorben und auferstanden ist. Seine Liebe ist es, die mich immer mehr anzieht. Aus Freude konnte ich damals nicht anders als alles zurücklassen, um mich immer mehr von dieser Liebe und Freude ergreifen zu lassen.

Wer hat dich in der Zeit der Entscheidung begleitet?
Das Gespräch mit einem Priester, der gemeinsam mit mir versuchte auf die Stimme Gottes zu hören, Seine Stimme von meinen Ängsten, Plänen,... zu unterscheiden, war für mich sehr wichtig. In der Tat kann man die Kraft und die Freude des Evangeliums nur erfahren, wenn man sich ganz Gott, seinem Wort anvertraut.

Wie lebst du deine Berufung?
Jede Berufung ist ein Geschenk. In meinem Leben darf ich immer tiefer erfahren, dass ich gerufen bin am Leben Jesu teilzuhaben, indem ich Seinem Ruf, Seinem Ja zu mir mit meinem Ja antworte.
Die Erfahrung einer großen Freude hat mich in eine internationale Gemeinschaft, das Scalabrini-Säkularinstitut geführt. Eine Form der Weihe, die ich zuvor nicht kannte. Ohne äußere Zeichen führt uns als Säkularinstitut die Weihe an Gott wie - Salz und Hefe - in die unterschiedlichsten Berufe, Alltagssituationen und Milieus des Menschen hinein, um durch die Gelübde der Armut, des Gehorsams, der ehelosen Hingabe Raum zu schaffen für die Gegenwart Gottes. Was mich immer neu staunen lässt, ist dass in jeder Umgebung Jesus, Sein Ostergeheimnis als wahres Ferment und eigentlich verändernde Kraft schon wirkt und uns, die Welt von Innen heraus verwandelt.

Eine intensive Zeit des Reifens war für mich der frühe Tod meiner Eltern. Auch dadurch durfte ich die Erfahrung des Weizenkorns machen das stirbt, sich wandeln, formen lässt, um Frucht zu bringen, um sich von der Freude des Auferstandenen durchdringen zu lassen "die uns nichts und niemand mehr nehmen kann" (vgl. Joh 16,22).
Meine Berufung lässt mich unterwegs sein mit Menschen verschiedener Nationalität, Religion und Kultur, um Miteinander in Gott die tiefe Verbundenheit unter den Menschen zu entdecken und so mitzuwirken an einer gastfreundlicheren Welt, in der jeder in seiner Verschiedenheit als einmaliges, kostbares Glied der einen Menschheitsfamilie entdeckt und geschätzt wird. Nach den Gelübden wurde ich auch im Auftrag der Diözese, um Brücke zu sein, unter Migranten am Rand unserer Gesellschaft ausgesandt. Heute ist u. a. ein Schwerpunkt die Begleitung christlicher Minderheiten aus arabischen Ländern, damit sie auch hier die Gemeinschaft der Kirche erfahren können.

Woraus schöpfst du Kraft für deinen Weg?
Was mich Schritt für Schritt auf dem Weg des gekreuzigten und auferstandenen Christus trägt, ist das Gebet, die Kontemplation, eine Spiritualität des Exodus, die eine unvorstellbare Weite ermöglicht: eine Liebe, die niemanden ausschließt und für jeden Menschen in seiner Einmaligkeit da ist. So darf ich in meiner internationalen Gemeinschaft erfahren, was es bedeutet, Communio in der Verschiedenheit zu empfangen und zu leben.
In dieser Communio, in der Jesus die Mitte ist, möchte er durch unser Leben den Menschen erreichen.

"Wer Gott berührt, berührt den Menschen, wer den Menschen berührt, berührt Gott" (vgl. Mt 25,35). Ich denke dabei besonders an Migranten und Flüchtlinge, wie z. B. die Christen aus dem Irak, denen ich im Alltag begegne und mir durch Worte wie "unser Gold ist der Glaube" die Kraft des Glaubens bezeugen. Einmal hat mich jemand gefragt, ob es für mich eine Alternative zu diesem Lebensweg gäbe. Da musste ich sagen, es gibt keine Alternative für die verrückte Liebe Gottes, der ich begegnet bin. Durch die Bindung an Die Liebe wird mein Leben frei und ich entdecke, dass mir in Christus die Menschheitsfamilie angehört.

Regina Widmann