Ich kann nicht schweigen

Macram Max Gassis, Bischof der Diözese El Obeid im Sudan, war über Jahre Zeuge der Grausamkeiten in seinem Heimatland. Menschenrechte wurden aufs Schlimmste missachtet. Zivile Einrichtungen und die gesamte staatliche Struktur wurden zerstört.
Heute ist Bischof Gassis gezwungen, im Exil in Kenia zu leben. Er wird jedoch nicht müde, über die Situation der Christen in seinem Heimatland zu informieren. Und zu diesem Zweck hatte ihn das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" in die Schweiz eingeladen. Für uns und viele junge Leute, die in diesen Tagen im IBZ-Scalabrini in Solothurn waren, eine Gelegenheit, ein Gespräch mit ihm zu führen.


Zerbrechlicher Friede nach langem Konflikt

Der Sudan hat 22 Jahre Krieg und Terror hinter sich. Dieser längste afrikanische Bürgerkrieg wurde offiziell im Jahre 2005 mit einem Friedensabkommen beendet. Es sollte den Feindseligkeiten zwischen der Regierung von Khartum und der Sudanesischen Befreiungsarmee ein Ende setzen. Die Wurzeln für diesen Konflikt liegen in der Kolonialzeit. Seit der Unabhängigkeit von Grossbritannien im Jahre 1965 wurden im Sudan zwei verschiedene geografische Regionen mit verschiedenen Ethnien vereint: der islamisch-arabisch geprägte Norden und der mehrheitlich christlich und von Naturreligionen beeinflusste Süden mit einer dunkelhäutigen Bevölkerung.
Der Norden riss allerdings die Macht über das ganze Land an sich. Langsam aber sicher zwang er der Gesamtbevölkerung die arabische Sprache und die ihm eigene Interpretation des Islams auf, bis hin zur Bildung eines islamischen Staates, mit der Scharia als Gesetz.

Der längste Bürgerkrieg Afrikas forderte 2,5 Millionen Tote und trieb fünf Millionen Menschen in die Flucht. Tausende von Christen wurden gefoltert und in die Sklaverei verkauft. Ähnlich erging es auch Angehörigen der Naturreligionen und sogar Muslimen, die nicht dem arabischen Kulturkreis angehörten. Dazu gehört vor allem die Region Dafour. Im Jahre 2005 brach dort ein neuer Konflikt aus. Die Regierung von Khartum machte sich in der Folge auch schwerer Verbrechen gegenüber der muslimisch-dunkelhäutigen Bevölkerung schuldig.
Diese erneuten Spannungen sind auch eine Gefahr für die zerbrechliche Stabilität im Süden des Landes. Trotzdem investiert man dort in den Wiederaufbau und hofft, im Jahre 2011 durch ein Referendum die Unabhängigkeit zu erhalten. Seit dem Jahre 2005 sind auch rund 2,2 Millionen Flüchtlinge zurückgekehrt, inmitten einer grossen Armut. Alles muss wieder aufgebaut werden: Strassen, Schulen, Spitäler... Die Kirche spielt dabei eine tragende Rolle.
Aber langsamer und viel Feingefühl fordernder ist der "Wiederaufbau" der Menschen mit ihren körperlichen und seelischen Wunden, die man ihnen zugefügt hat. Die Überwindung der Korruption und der "Kriegsmentalität" verlangt einen langen Atem und eine aufmerksame pädagogische Arbeit.

Verteidigung der Menschenrechte

Bischof Gassis war Zeuge vieler schwerwiegender Menschenrechts-verletzungen: Niedergebrannte und bombardierte Dörfer, vergewaltigte Frauen, Kinder, die gefangen genommen wurden und als Kindersoldaten kämpfen mussten, gekreuzigte Christen.
Mit einfachen Worten und einem Lächeln auf dem Gesicht erzählt er von seinem Leben und seinem Glauben.


"Ich bin Sudanese und wurde in Khartum als Kind eines katholischen Vaters und einer reformierten Mutter geboren. Vieles meiner christlichen Erziehung verdanke ich meiner Mutter. Sie kannte die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite und weckte auch in uns den Wunsch, darin zu lesen.
Die Bibel ist unser Leben, unsere Nahrung, sie wurde geschrieben, damit wir über sie nachdenken und aus ihr heraus leben. Der Glaube ist mein Leben.

Ich hätte nie gedacht, so viele Kreuze tragen zu müssen. Dazu gehören die subtile Verfolgung der Bevölkerung meiner Diözese, die verleumderische Anschuldigung ich hätte den Premierminister beleidigt, die Einschüchterungen... Dies erschreckte mich nicht, aber ich bedauere diese Ungerechtigkeiten. Dann begann die Ausweisung meiner Missionare. Vor dem Kongress der Vereinigten Staaten habe ich diese Verletzung der Menschenrechte im Sudan angeklagt. Als ich in meine Heimat zurückkam, wollte man mich verhaften, jedoch niemand hatte den Mut, mich anzurühren. Ich unternahm weitere Fahrten ins Ausland, sprach über die Situation. Aber in dieser Zeit ging es mir gesundheitlich nicht gut, in Amerika wurde ich dann notfallmässig operiert und so überlebte ich diese schwere Krankheit.
Von diesem Tag an widmete ich das neue Leben, dass Gott mir geschenkt hat, ganz den Menschen im Sudan: zu schildern, was dort passiert, eine Situation, die vom Rest der Welt ignoriert wird.
Am schlimmsten ist es in einem Teil meiner Diözese, der zwischen dem Norden und dem Süden des Landes liegt, in den Bergen Nuba.

Als im Jahre 1956 die Engländer das Land verliessen, übernahmen die Sudanesen aus dem Norden die Macht und zwangen dem Süden des Landes die arabische Sprache auf, obwohl man dort afrikanische Sprachen und Englisch sprach. So wurde in diesen Regionen anstelle des Sonntags der Freitag als Ruhetag eingeführt. Ebenso wurden 750 christliche Schulen konfisziert, der Koran als Pflichtfach für alle eingeführt, auch für Nichtmuslime. Es wurde ein Ministerium für religiöse Angelegenheiten geschaffen, aber ausser dem Islam waren die anderen Religionen nicht vertreten. Die Scharia wurde Gesetz und so die Christen zu Bürgern zweiter Klasse...

Was zählen da die Menschenrechte, die die Würde eines jeden Menschen schützen sollen? Sie werden mit Füssen getreten. Ich habe das Recht zu leben und niemand darf mir das Leben nehmen; ich habe das Recht meinen Glauben zu bekennen, mich frei zu bewegen, eine Familie zu gründen, ein Recht auf Bildung. Die Politiker haben die Aufgabe, diese Rechte zu schützen.
Ich konnte nicht schweigen. Als Bischof musste ich die Stimme erheben. Die traurige Tatsache, dass ich nicht mehr in mein Land zurückgehen konnte, gab mir die Möglichkeit, Klartext zu sprechen und das Regime von Khartum anzuklagen. Mein Leben war auch im Ausland in Gefahr. Mehrmals gab man mir eine Leibwache. Vor einigen Jahren wurde ich von Kardinal Martini eingeladen, um im Stadion von Mailand vor 45'000 Jugendlichen zu sprechen. Der Kardinal fragte mich, ob ich nicht Angst hätte, dass man mich umbringe: Wenn sie auf die Präsidenten der Vereinigten Staaten geschossen haben, dann können sie auch mich in jedem Moment umbringen.
Die Erfahrung in der ganzen Welt zu sprechen, hat meinen Horizont erweitert. Nahe bei meinem Volk zu sein, heisst für mich auch, sein Leiden mitzutragen und zu wissen, was ihm wichtig ist. Wenn wir nicht am Leiden der anderen teilhaben, werden wir nie die Gnade verstehen, die Gott uns gibt: Die Gesundheit ist eine Krone auf dem Haupt der Gesunden. Nur die Kranken sehen sie. Wie viele Menschen wissen nicht, was sie besitzen. Sie haben das Gefühl die Welt beherrschen zu können und treten die Rechte der anderen mit Füssen.

Jemand hat behauptet, dass es im Sudan keine Sklaverei gibt. Das ist nicht wahr! Ich konnte sie mit Händen greifen, ich habe bezahlt, um mehr als 200 Kinder befreien zu können und um sie auf Lastwägen wie Kohlensäcke wegfahren zu können. Sie waren mit Gewalt ihren Eltern geraubt worden und waren tief verstört.
Wenn man aber eine Mutter fragen würde, wie viel ihr Sohn wert ist, welche Antwort würde sie geben? Würde sie nicht sagen: Mein Kind ist mehr wert als die ganze Welt, denn ich habe es in meinem Schoss getragen.
Fragen wir die Mütter und die Kinder, ob sie befreit werden möchten. Fragen wir die Katecheten und die Ältesten der Stämme. Jemand sagt, dass die Bezahlung eines Lösegeldes nur zu neuer Sklaverei führt, nur wegen des Geldes. Was sollen wir tun?
Ist das Leben selbst nicht ein Risiko? Ist es nicht riskant, das Flugzeug zu nehmen oder mit dem Auto zu reisen? Und doch sind wir oft unterwegs. Ist es nicht ein Risiko zu heirateten? So viele Ehen misslingen. Sollte man also den Jugendlichen sagen: Heiratet nicht? Ist es nicht ein Risiko, abends zu Bett zu gehen? Wie viele wachen am Morgen nicht mehr auf! Das Leben ist ein Risiko. Wir müssen sicherlich alles tun, um das Risiko zu mindern, aber wir müssen es auch akzeptieren. Wenn es sich um Menschenleben handelt, um die Identität und Würde, um den Glauben, Bräuche und Sitten, um Menschenrechte, dann lohnt es sich, das Risiko in Kauf zu nehmen."

Leidende Gemeinschaften, die trotzdem glauben

Seit dem Ende des Krieges setzt sich Bischof Gassis für den Wiederaufbau von Schulen, Pfarreien und Spitälern ein. Trotz der unsicheren Situation wurden schon verschiedene Projekte verwirklicht. Wir haben ihn gefragt, was der Glaube für die Christen seines Landes, besonders die Jugendlichen bedeutet.

"Die Situation nach einem Krieg ist immer tragisch, denn die Menschen leiden unter verschiedenen Traumata. Trotz allem sieht man, dass sie im Glauben standhaft geblieben sind. Es gab auch Martyrer. Einmal wurde ein Katechet verhaftet. Am Anfang versuchten sie es auf gute Weise, ihn von seinem Glauben abzubringen. Anschliessend versuchten sie es mit Drohungen. Da er aber weiterhin widerstand, folterten sie ihn. Er aber antwortete: Ich bin Katholik und Katechet. Dann haben sie ihn an ein Kreuz gebunden und die ganze Nacht dort hängen lassen, ohne Wasser. Bei uns kann es auch in der Nacht eine Temperatur bis zu 35 Grad haben. Am Morgen haben sie ihn losgebunden und er fiel zu Boden. Ein Wunder, dass er überlebte.
Ein evangelischer Pfarrer wurde beinahe lebendig in seiner Kirche verbrannt.
Einmal haben sie eine Schule bombardiert und fünfzehn Kinder, sowie eine Lehrerin starben. Es war furchtbar. Zwei Tage später ging ein zehnjähriger Junge zum Direktor und sagte ihm: Wir möchten wieder in die Schule gehen, und wenn Gott will, dann wird das Flugzeug nicht mehr kommen, um uns umzubringen.
Woher nahm er diesen Mut? Er wollte lernen und glaubte fest daran, dass Gott sie beschützen werde. Die Leute sind vor den Schwierigkeiten und der Verfolgung nicht in die Knie gegangen - im Gegenteil: Der Glaube ist gewachsen.
Auch eine Gruppe afrikanischer Muslime wurde verfolgt, denn sie leben mit ihren eigenen Traditionen und Bräuchen: Sie essen z.B. Schweinefleisch und trinken Hirsebier, das auch nährt. Deshalb sind sie für Khartum keine wirklichen Gläubigen.
Die Leute aus dem Volk nennen mich: "Vater Bischof". Als ich zu ihnen ging, baten sie mich nicht um Lebensmittel, Moskitonetze oder Kleidung, auch wenn ich Frauen sah, die nichts zum Anziehen hatten, die sich aus ihrer Not heraus mit Palmenblättern bedeckten. Sie baten um eine Bibel, einen Rosenkranz, um Priester und Ordensschwestern. Einige kleine Gemeinden waren fünfzehn Jahre lang isoliert und hatten keine Priester. Aber sie waren nicht entmutigt, sondern stark in ihrem Glauben. Trotzdem fragen sich die Leute: Was haben wir Böses getan, damit wir so unterdrückt werden?
Der Kommandant der Befreiungsarmee sagte mir einmal: Wir Schwarzen sind doch eine verfluchte Rasse. Aber was haben wir Böses getan? Wir sind gezwungen, mit Schlangen und Skorpionen zusammen in den Schützengräben zu liegen. Wir essen, wenn es gut geht, einmal am Tag. In Khartum hingegen haben sie einen vollen Bauch, Autos mit Klimaanlagen und Diener... Ich habe ihm geantwortet: Wir sind alle Kinder Gottes, und er verdammt niemanden. Dieses Böse hat Gott nicht gewollt, es sind wir Menschen, die so handeln."

...und sie haben sie aufgenommen

Der Sudan ist nicht nur ein Land, aus dem viele Menschen fliehen, sondern auch ein Transitland für Flüchtlinge aus Eritrea und Äthiopien sowie ein Gastland für Menschen aus anderen afrikanischen Ländern. Auch wenn im Gegensatz zur Erzdiözese von Khartum, dieses Phänomen in der Diözese von El Obeid nur marginal ist, kennt Bischof Gassis die Realität der Wanderbewegungen in Afrika gut.

"Die Afrikaner sind fantastisch, was die Gastfreundschaft betrifft. Während des Krieges im Sudan sind viele von uns nach Eritrea, Äthiopien, Kenia, Uganda geflohen. Jetzt hat sich die Situation verändert. Die anderen kommen nun zu uns. Wir können sie doch nicht wegjagen, wir kennen doch diese Situation. Während der Verfolgung im Kongo sind viele Kongolesen in den Sudan geflüchtet. Die Sudanesen in der Region von Juba haben sich ein wenig beschwert, als Hunderte und Hunderte von Flüchtlingen kamen und wertvolle Bäume, auch Mahagonibäume, fällten, um Holzkohle daraus zu machen. Aber sie haben sie nicht vertrieben und sie aufgenommen.
Eritreer und Äthiopier fliehen und auf ihrem Weg durchqueren sie den Sudan. Ich bin ihnen auch in Washington begegnet, es sind Menschen mit grossem Einfallsreichtum. Fast alle Taxis sind in ihrer Hand und viele haben kleine Restaurants eröffnet.
Ich habe auch mit verschiedenen europäischen Politikern gesprochen und ihnen gesagt: Auch wenn ihr Gesetze beschliesst, um den Exodus der Afrikaner zu stoppen, werden sie trotzdem kommen, legal oder illegal, denn ihnen fehlt das Lebensnotwendige, um als Menschen würdig leben zu können. Und deshalb suchen sie nach Auswegen. Wenn jemand verfolgt wird, dann sucht er nach Schutz. Warum dann Gesetze einführen, von denen man schon im Voraus weiss, dass sie nicht umgesetzt werden, weil sie gegen die Menschenwürde sind?
Der Mensch hat das Recht sich auf den Weg zu machen, um nach Schutz zu suchen. Heute gibt es eine globale Völkerwanderung. Es ist wichtig, die Migranten zu unterstützen, denn sie sind fremd, erleben einen kulturellen Schock und die lokale Bevölkerung steht ihnen oftmals abweisend oder sogar feindlich gegenüber. Die Europäer vergessen, dass auch viele von ihnen nach Amerika ausgewandert sind. Der Pluralismus, das Sichvermischen der Kulturen hat Amerika zu dem gemacht, was es heute ist. Die Verschiedenheit führt nicht zu einer Verarmung, im Gegenteil sie bereichert. Die Migranten kommen mit dem Reichtum ihrer Geschichte, ihrer Bräuche und ihrer Mentalität. Die Leute haben Angst, denn sie sind zu einer neuen Erfahrung herausgefordert. Aber die Zeiten ändern sich und auch wir müssen uns ändern.
Meine Botschaft an euch junge Menschen ist: Verteidigt immer die Wahrheit. Die Wahrheit ist es, die rettet, sagt uns die Hl. Schrift - und sie macht uns frei. Sonst werden wir nie frei sein, sondern immer Sklaven. Christus ist gekommen um die Wahrheit zu bezeugen, auch wenn ihn dies bis ans Kreuz geführt hat. Wir müssen uns nicht fürchten, die Wahrheit zu bezeugen. Sie wird uns immer die Kraft geben, unseren Glauben ohne Angst zu leben."

Luisa Deponti