Begegnung mit dem Fremden:
Eine Spur zu Gott und zum Menschen?


Am diesjährigen Fest der Früchte im Centro di Spiritualità in Stuttgart vom 2.-4. Oktober 2009 nahmen Familien, Jugendliche und Kinder aus 30 verschiedenen Ländern teil. Das bunte Programm bei sonnigem Herbstwetter bot viele Gelegenheiten zum Austausch, zu Workshops, Musik und Begegnung. Das Forum, an dem Professor Dr. Jörg Splett Rede und Antwort stand, trug den Titel: "Begegnung mit dem Fremden, eine Spur zu Gott und zum Menschen".
Im Folgenden sind Fragen und Antworten des Podiumsgesprächs in verkürzter Form wiedergegeben.


Professor Dr. Jörg Splett studierte an der Universität in Köln und München Philosophie, Pädagogik und Fundamentaltheologie, war bereits in jungen Jahren Assistent von Karl Rahner, lehrte an der Universität München und der Jesuiten Hochschule in Frankfurt und gehört heute zu den bedeutendsten deutschsprachigen Religions-philosophen und Anthropologen der Gegenwart.
Das Denken von Jörg Splett bewegt sich an der Grenze zwischen Gott und Mensch, zwischen Theologie und Philosophie. Auf der Suche nach den anthropo-theologischen Grundlagen der Begegnung mit dem anderen - der immer fremd ist - rückt die Möglichkeit des Dialogs nicht trotz, sondern dank der Verschiedenheit in den Vordergrund.
Professor Splett ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne, der eine ist Philosoph, der andere Theologe.

Agnese: Nicht selten ist eine eigenartige Situation in und um uns erkennbar. Auf der einen Seite besteht eine gewisse Faszination gegenüber der ethnischen, kulturellen Verschiedenheit - man denke an das Essen, die Mode, die Urlaubsorte, die virtuellen Beziehungen - auf der anderen Seite ist eine gewisse Angst festzustellen, sich dem Fremden gegenüber zu öffnen, der an die Türen unserer Städte klopft, um aufgenommen zu werden.
Die ganz andere Art, die Fremdheit des anderen ist auf der einen Seite anziehend, auf der anderen Seite macht sie auch Angst. Warum? Könnte es vielleicht damit zusammenhängen, dass der andere - egal ob fremd oder bekannt - als eine Begrenzung wahrgenommen wird, als eine Bedrohung für die eigene Identität und "Selbstverwirklichung"? Was steckt eigentlich hinter diesem Wort "Selbstverwirklichung"?

Jörg Splett: Bevor ich antworte, möchte ich mich meinerseits für die Einladung bedanken, nicht zuletzt darum, weil ich selbst zu den Fremden gehöre. Es gab vor gut 30 Jahren ein Interview in einer italienischen Zeitschrift unter dem Titel: "Il filosofo senza patria" ("Der Philosoph ohne Heimat"). 1945 war ich mit meiner Mutter und vier Geschwistern auf der Flucht. Mit meinen achteinhalb Jahren war ich der Älteste und an Unmenschlichkeit, Vergewaltigung, Tod habe ich so viel miterlebt, dass für mich damals die Kindheit zu Ende war. Und das gehört auch noch mit zum Thema.
Nun zur Frage. Ja, das Fremde ist ambivalent: es fasziniert uns, weckt unsere Neugierde, reizt, weil wir unsere engen Grenzen gern überschreiten. Zugleich macht es uns aber Angst, weil wir nicht wissen, wenn wir dem anderen begegnen, was uns erwartet, wie er sich verhält. Wir wissen nicht, wie es zu verstehen ist, was er sagt und tut. Wenn ich einen Eisbär treffe und der will nett zu mir sein, wird das für mich unangenehm. Wir hätten nicht weltweit in den Kulturen ein so deutliches Gastrecht (für drei Tage muss man mit dem anderen gut umgehen), wenn es nicht natürlich wäre, im Fremden den möglichen Feind zu sehen. In vielen Sprachen, nicht nur im Lateinischen (hostis = Fremder, Feind), besteht dasselbe Wort für Fremder und Feind.

Das Wort "Selbstverwirklichung" finde ich bedenklich. Von den vielen Möglichkeiten, die man hat, kann jeweils stets nur eine wirklich werden. Und all die anderen?
Von dem deutschen Dichter Friedrich Hebbel haben wir den Vers: "Und der ich bin, grüsst traurig den, der ich hätte können sein". Wenn ich mich verwirklichen will, werde ich auf all die Möglichkeiten geworfen, die ich nicht verwirklichen kann. So möchte ich "Selbstverwirklichung" durch "antworten" ersetzen: Die richtige Antwort geben. Ein Beispiel: Jemand fragt mich auf der Strasse nach dem Bahnhof. Will ich mich "verwirklichen", stellt sich die Frage: Sage ich es auf Deutsch, Englisch, Französisch...? Singe ich eine Arie, liefere ich eine Pantomime? Nein. Ich soll nur sagen: Zweite Strasse rechts, erste links - und bleibe unverwirklicht. Wenn ich hingegen dem anderen antworten will und ich habe die richtige Antwort, bin ich froh - und er auch.

In der Begegnung mit dem anderen, der ja immer irgendwie fremd ist, werden wir uns der Grenzen, d.h. der Konturen des eigenen Ich immer bewusster, weil "Grenze" immer das Gemeinsame (mindestens) Zweier ist. In der Sphäre der Person und Freiheit heisst Grenze wesentlich: Begegnen. Zwar macht diese "Grenzerfahrung" Angst, aber ihr kann sich das Vertrauen widersetzen. Das ist das Einzige, was uns öffnet. Im Umgang nur mit mir lerne ich mich nicht kennen. Mein Bild von mir und das meiner Frau, meiner Söhne von mir decken sich nicht. Und das ist eine Chance für das Gespräch. So sieht man nur mit zwei Augen, zwei Blickfeldern plastisch.

Marie Thèrese: Ich habe in Paderborn Sozialpädagogik studiert und arbeite nun in Frankfurt in einer Tagesstätte für Kinder, die zu 95% einen Migrationshintergrund haben. Meine Frage: Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr schnelllebig ist und die sich vor allem auch durch neue Technologien stark verändert hat: Handys, SMS, E-Mail, Internetforen wie Facebook... Das alles wirkt sich auf unser Leben aus, auf unsere Beziehungen. Das Gefühl, virtuell vielen Menschen nah sein zu können, hat sich genauso verstärkt wie die Erfahrung von Einsamkeit und Fremdheit.
Wie können wir in dieser Situation in unserer Menschheit Fortschritte machen? Was ist Menschlichkeit überhaupt? Der Titel eines Ihrer Bücher lautet: "Lernziel Menschlichkeit". Was bedeutet das in diesem Kontext? In welcher Beziehung steht das, was menschlich ist zu dem, was christlich ist?

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Wer den ganzen Text des Vortrages lesen möchte, kann ihn bei der Redaktion "Auf den Wegen des Exodus" per Post bestellen.
Informationen unter ibz-solothurn@scala-mss.net oder stuttgart@scala-mss.net