Miteinander in der Verschiedenheit,
welches Gottes- und Menschenbild steckt dahinter?
Zu diesem Thema durften wir am "Scalabrini Fest di Primavera" vom 30. April bis 2. Mai 2010 Herrn Professor Jörg Splett begrüssen, der diesmal zusammen mit seiner Frau gekommen ist. Nach einem kurzen Einführungsreferat stellte er sich den Fragen vieler junger Menschen aus aller Welt.
Im Folgenden veröffentlichen wir die Abschrift der Tonbandaufnahme davon. Bewusst bleibt dabei das gesprochene Wort stehen, um die Lebendigkeit des Ausdrucks und die Bildhaftigkeit der Sprache nicht zu verkürzen.
Agnes
Die Migration, d.h. die Begegnung und das Aufeinanderstossen von Menschen verschiedener Kulturen, Religionen und Ethnien fordert uns dazu heraus, ein neues und tieferes Miteinander in der Verschiedenheit zu suchen.
Wir machen dabei im Alltag die Erfahrung, dass die Migration auch dazu beitragen kann, einen tiefen Wunsch des Menschen zu wecken: die bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach authentischen Beziehungen, in denen jeder in der eigenen Verschiedenheit angenommen und geschätzt wird.
Gleichzeitig scheint es nichts Schwierigeres zu geben. Das erleben wir in unserem Alltag, aber auch wenn wir auf die Welt schauen, in der es immer wieder Kriege und Konflikte gibt.
Hängt dies eventuell auch damit zusammen, dass wir oft an der Oberfläche bleiben, dass wir von einer wissenschaftlichen Denkweise geprägt sind, für die nur zählt, was messbar ist? Wo bleibt aber in dieser wohl einseitigen Denkweise die Wahrheit Gottes und des Menschen? Ist ein Miteinander in der Verschiedenheit möglich und welches Gottes - und Menschenbild steckt dahinter?
Jörg Splett
Ganz herzlichen Dank für die Einladung. Es ist für mich eine Freude und eine Ehre. Und was das Lob betrifft: man bekommt fast immer mehr, als man verdient.
Die eigentliche Arbeit heute und die eigentliche Last haben die Übersetzerinnen. Wenn wir alle
eine Sprache sprechen könnten, hätten wir dieses Problem nicht. Darum meinen viele Leute, Einheit sei besser als Vielheit.
Aber wenn wir die gleiche Sprache hätten, würden wir uns dann wirklich alle verstehen? Jeder und jede macht doch eigene Erfahrungen im Leben, hat ein eigenes Schicksal, hat einen persönlichen und einzigartigen Blick auf die Welt. Es gibt so viele Unterschiede zwischen den Menschen!
Ein berühmtes Wort Marc Twains erklärt, was die Amerikaner und die Engländer trenne,k sei die gemeinsame Sprache.
Der grösste Unterschied zwischen den Menschen ist jedoch der zwischen den Geschlechtern. Er ist gewichtiger als der zwischen den Klassen, den Ethnien und den verschiedenen Völkern. Gleich zu Beginn in der Schöpfungsgeschichte heisst es, dass die Menschen als Mann und Frau geschaffen worden sind. Hier heißt es erst recht, dass es ganz fürchterlich wird, wenn man Unterscheidungen macht im Sinne von Diskriminierung. Diskriminieren heisst ja eigentlich nur unterscheiden, aber diskriminieren bedeutet auch, denjenigen schlechter zu behandeln, der anders ist.
Darauf bezieht sich der sogenannte
Genderstream. Er sagt, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau beseitigt werden müsse. So gibt es z.B. in Spanien beim Standesamt nicht mehr "Vater" und "Mutter", sondern "Genitor A" und "Genitor B". Jedem ist es dann selbst überlassen, wo er sich eintragen will. Man denkt damit den eigenen Frieden und eine Gleichheit ohne Diskriminierung zu erhalten. Die Frage ist nur, was man dabei gewinnt und was man verliert.
Die Menschen wünschen sich aus verschiedenen Gründen, dass es keine Unter-schiede mehr gibt. In dieser Suche nach dem Eins, nach Frieden und Gerechtigkeit meint man, Unterschiede seien Hindernisse.
Es gibt noch einen zweiten Grund. Man will nicht nur untereinander eins sein, sondern man will gegen jemand eins sein. Davon spricht ein grosser Text der Bibel, nämlich die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9). Dort wollen die Menschen einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Um eins zu sein, braucht es eine gemeinsame Aufgabe, an der alle mitwirken. Diese eine Aufgabe besteht darin, den Himmel zu erobern. Aber Gott kommt herunter und verwirrt die Sprache, damit das nicht geschieht.
Das ist natürlich eine mythologische Schilderung. Gott zerstört nicht; Gott schafft
eine Welt und eine Ordnung, in der man sich selber zerstört, wenn man diese Ordnung nicht einhält. Ein berühmtes Wort von Augustinus sagt: "Darin zeigt sich deine Grösse, dass derjenige der unordentlich ist, sich selbst zur Strafe wird".
Was geschah nun in Babel? Da alle Menschen
eine Arbeit verrichten sollten, brauchte man
eine Sprache,
eine Terminologie, in der es darum geht, nicht von sich selber zu erzählen, von der eigenen Sorge, sondern wo es nur darum geht, dieses eine Werk zu schaffen, diesen einen Turm zu bauen. Es ist eine Sprache der Technik, der Wissenschaft, eine instrumentelle Sprache, in der nur eines, oder besser gesagt, nur
jemand nicht vorkommt:
du und ich!
Es gibt nur das Es: die Arbeit, die Instrumente, das Bauen, das Planen. Deswegen können Menschen, die nur in der Arbeit und in der Planung stecken, nicht mehr von sich und vom anderen reden. Der Mensch wird sprachlos, weil die technisch-wissenschaftliche Spra¬che es nicht erlaubt, von unserer Seele, unseren Herzen, unserer Sehnsucht, unserer Angst, unseren Wünschen, unserer Liebe zu sprechen.
Daraus entsteht genau diese Verwirrung. Der andere, jede Fremdheit wir dann eine Gefahr, eine Bedrohung. Den Gedanken, dass wir den Austausch brauchen, um uns zu verstehen, um miteinander zu sein, gibt es nicht. Daher kommt es, dass es im Leben, in den Mythen, in der Philosophie, in der Mystik immer um das
Eins geht. Ein unterschiedsloses Eins, dann gibt es keinen Schmerz und kein Wehtun.
Wenn man im Deutschen sagt, man hat mit jemandem Differenzen, bedeutet das, dass man sich nicht versteht. Und wenn man sagt, "wir verstehen uns nicht", dann heisst das, "wir können uns nicht leiden", "wir sind im Streit", "wir mögen uns nicht". darum will man Differenzen vermeiden.
Die aber feiern wir am
Pfingstfest (Apg 2). Da gibt es viele Sprachen und dennoch braucht es keine Übersetzung. Jeder sprach in seiner Sprache und jeder verstand in seiner Sprache.
Ähnliches geschieht in der Liebe: Es gibt keine gemeinsame Sprache für Männer und Frauen. In dem berühmten Roman "Strudlhofstiege" des Wieners Heimito Doderer ist davon Rede, dass man ein Wörterbuch der Männer- und der Frauensprache machen müsse.
Ein Beispiel:
Selbstlosigkeit. - Unter Selbstlosigkeit versteht ein Mann, dass man dem anderen nicht lästig fällt. Eine Frau aber versteht darunter, sich um den anderen zu kümmern. Leicht hält so jeder den anderen für egoistisch. Die Frau sagt: Warum kümmert er sich nicht um mich? Und der Mann sagt: Warum tut die dauernd an mir herum?
Es gibt nicht
die Sprache, sondern es gibt die Sprache der Liebe, bei der die Frauen ein bisschen die Männersprache verstehen müssen und die Männer ein wenig die Frauensprache. Und wo man nicht mehr versteht, da soll man lieben. Natürlich soll man auch da lieben, wo man versteht ? aber erst recht, wo man nicht versteht!
Genau um dieses Angebot geht es hier: die Gemeinsamkeit, jeder er selbst, jeder sie selbst in diesen eigenen Möglichkeiten. Und das ist die Fortsetzung der Schöpfung.
Die Schöpfungserzählung (vgl. Genesis 1) beginnt mit Unterscheidungen, aber mit Unterscheidungen, die sich aufeinander beziehen. Was wäre die Nacht, wenn es nie einen Tag gäbe? Die Nacht wäre keine Nacht mehr. Und was wäre der Tag ohne die Nacht? Der Tag wäre kein Tag mehr.
Die Verschiedenheit, dass ich nicht du bin und du nicht ich bist, macht es möglich, dass ich dein bin und dass du mein bist! Weil wir verschieden sind, können wir zueinander Ja sagen.
Es gab immer wieder in der Philosophie die Vorstellung, das Muster der Liebe sei die Selbstliebe. Aber im Grunde stimmt das nicht, denn Liebe ist nicht zuerst Liebe zu sich selbst. Natürlich soll man mit sich selbst befreundet sein, mit sich selber ein bisschen auskommen. Aber
lieben tut man jemand anderen! Das Fest dieser Liebe ist das Fest des Geistes, das Pfingstfest, in dem die Schöpfung wie am Anfang ist. So wie sie im Plan Gottes ist und in der Genesis beschrieben ist.
Die Spitze der Liebe hat dabei zwei Punkte.
Ästhetisch lieben, heisst: ich bin entzückt von... , ich bin hingerissen von.... Kann man von sich selbst entzückt und hingerissen sein? Das wäre wirklich komisch!
Und
ethisch lieben heisst: ich lebe und sterbe für dich. Hier liegt die Grösse des Menschen: dass er für jemanden sterben kann. Für sich selbst leben und sterben aber fände ich eher tragisch.
Dann ist noch anzumerken, wir Christen dürfen glauben, dass Gott selber natürlich
ein Gott ist. Kein Christ lässt sich sagen, er sei kein Monotheist. Es gibt nur einen Gott und keine zwei oder drei oder fünf oder siebzig. Aber von diesem einen Gott, der der Schöpfung gegenüber als ein
Ich erscheint, dürfen wir wissen, dass er in sich selbst ein
Wir ist. Nicht erst Eins und
dann Wir, sondern schon immer ein Wir. Der Vater war niemals, keinen Augenblick ohne Sohn und ohne Geist. Anfangslos immer Vater, Sohn und Geist, dieses ursprüngliche Wir.
Es ist also nicht so, dass es zuerst Eins und dann Vieles gibt. In der Tat gibt es zwei Sorten von Eins. Es gibt entweder das einfache Eins (aber da soll mir mal jemand erklären, wie es aus diesem einfachen Eins jemals zu Vielem kommen kann) oder es gibt von Anfang an ein
Miteins. Und das ist das, worauf unsere eigentliche und tiefste Sehnsucht zielt. Hans Urs von Balthasar hat einmal gesagt, unsere tiefste Sehnsucht ist eine Einheit jenseits von Eins und Zwei. Diese Einheit könne wir anfanghaft schon hier und jetzt erleben in unserem Miteinander-Sein und vor allem in diesem Mitein¬ander von Mann und Frau, aus welchem Miteinander jeder und jede von uns ins Sein gekommen ist. Nur aus dieser Begegnung heraus gibt es uns. Es gibt den Einzelnen nur aus Zweien. Und die ganze Welt gibt es nur aus den Dreien. Das ist das eigentliche Bild der versöhnten Einheit. Wenn wir uns dessen bewusst sind, dann haben wir eine neue Möglichkeit: wir müssen die Schwierigkeiten, die sich durch Differenzen ergeben, nicht dadurch beseitigen, dass wir in ein Eins gehen, sondern dadurch, dass wir uns in dieses
Miteins Gottes mit seiner Welt stellen, in das Mitsein Christi mit seiner Kirche. Wir in Christus, im inneren Leben Gottes selber, Vater Sohn und Hl. Geist, weil wir alle Brüder und Schwestern des Sohnes sind.
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Wer den ganzen Text des Vortrages lesen möchte, kann ihn bei der Redaktion "Auf den Wegen des Exodus" per Post bestellen.
Informationen unter ibz-solothurn@scala-mss.net oder stuttgart@scala-mss.net